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19.12.2013 Kategorie: Allgemeine Themen

Gefährliche Mixturen

Medikamente und Fahrtüchtigkeit

"Mit Alkohol? NEIN, mit Alkohol setze ich mich natürlich nicht ans Steuer!" sagt der Mann am Nebentisch, seine Gesprächspartnerin nickt zustimmend, dann bestellt er sich ein Glas Wasser und nimmt ein Antihistaminikum. Er ist Allergiker und der Blütenstaub und die Gräserpollen machen ihm zu schaffen. Dies ist nicht nur unangenehm, sondern kann sich beim Autofahren auch als gefährlich erweisen. "Eine Niesattacke am Steuer bedeutet bei Tempo 50 einen 'Blindflug' von knapp 14 Metern", berichtet der ADAC. Dass der Mann heute Morgen bereits einen Hustenblocker und "Etwas" gegen die beginnende Erkältung genommen hat, daran denkt er nicht mehr. Viele Mittel führen zu einem veränderten Verhalten im Straßenverkehr.

Besonders Kombinationspräparate gegen grippale Infekte können das Steuern eines PKW erheblich beeinträchtigen. Sie enthalten Schmerzmittel wie Paracetamol, ein Antihistaminikum (gegen Juckreiz, Rhinitis, Bindehautentzündung etc.) und oft ein Mittel gegen Hustenreiz (Antitussivum). Da manche Arzneimittel eine sedierende Wirkung haben (müde machen), wird diese "Dämpfung" durch Coffein aufgefangen. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Medikamen­ten und Fahrtüchtigkeit? Negative Auswirkungen im Straßenverkehr können eine verzögerter Reaktionszeit, Müdigkeit, Benommenheit oder Sehschwäche sein, die Pupillen verengen sich, das Sehen im Dunkeln wird erschwert. Aber auch aggressives Fahrverhalten, durch eine herabgesetzte Hemmschwelle und somit eine Steigerung der Risikobereitschaft am Steuer, gefährdet Fahrer und Verkehrsteilnehmer.

Wenn Arznei die Sicht «vernebelt«

Statistisch gesehen wird jeder fünfte Unfall direkt oder indirekt durch Medikamente verursacht. Andere Statistiken sprechen von drei bis zehn Prozent aller Unfälle, an denen Arzneimittel beteiligt sind. Die große Spannweite beruht darauf, dass es nur wenige Studien gibt, die sich in diesem Zusammenhang speziell mit Arzneimitteln befassen. Die meisten erfassen Drogen und Medikamente als eine Gruppe und kommen daher zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Psychopharmaka wirken oft in den ersten zwei Wochen nach Beginn der Einnahme stark auf die Psyche. Arzneimittel können sich also negativ auf die Wahrneh­mung und die Reizverarbeitung auswirken und die Fahrsicherheit für eine bestimmte Zeit beeinträchtigen.

Das Medikamentenproblem im Straßenverkehr werde massiv unterschätzt, sagte DGVM-Präsident Prof. Rainer Mattern. Es werde ein volkswirtschaftlicher Schaden in Höhe von mehreren Milliarden Euro verursacht. Anders als für Alkohol und Drogen gebe es für Arzneien keinerlei Grenzwerte.

Wie stark ein Arzneistoff auf den Patienten wirkt hängt von individuellen Faktoren ab: von Alter, Geschlecht, Körperbau und Gewicht, daher ist eine pauschale Bewertung nicht möglich.

Jedoch auch das plötzliche Absetzen von Medikamenten kann genau so riskant sein wie die falsche oder übermäßige Einnahme. Bevor ein Autofahrer seine Medikamente absetzt, sollte er dies unbedingt mit seinem Arzt besprechen.

Auch vor Gericht schützt Unkenntnis nicht. Wer Medikamente nimmt und sich nicht über die Wirkung informiert, handelt verantwortungslos und fahrlässig.

Wer durch die Einnahme von Medikamenten einen Arbeits- oder Verkehrsunfall verursacht, kann seinen gesetzlichen Versicherungsschutz, schlimmstenfalls aber seine Gesundheit und sein Leben verlieren.