Seekrank - trotz festem Boden unter den Füßen

Jeder kennt das Gefühl, wenn man »aus dem Gleichgewicht« gerät und sich alles dreht und schwankt wie auf einem Schiff. Bei Schwindel spielt der Hals-Nasen-Ohren- arzt eine zentrale Rolle. Die primäre Aufga- be ist der Ausschluss einer Erkrankung im Mittel- bzw. Innenohrbereich oder zentral im Gehirn. Das Außenohr umfasst die Ohrmuschel, das Ohrläppchen und den äußeren Gehörgang. Es dient in erster Linie dem Einfang des Schalls und in zweiter Linie der richtungs- und frequenzabhängigen Filterung. Zum Mittelohr gehören das Trommelfell und die Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel). Im Mittelohr findet eine mechanische Impedanzwandlung statt, die eine optimale Übertragung des Signals vom Außenohr zum Innenohr ermöglicht. Das Innenohr liegt im Felsenbein. Es besteht aus der Schnecke, die das eigentliche Hörorgan mit den Sinnesrezeptoren beherbergt sowie den Bogengängen und dem Vorhof, in denen sich die Sinneszellen für den Gleichgewichtssinn befinden. Drei Systeme sind für die Steuerung des Gleichgewichts verantwortlich:

  • Gleichgewichtsorgan im Innenohr
  • Tast- und Fühlkörperchen an Muskeln und Sehnen
  • die Augen mit ihrer optischen Wahrnehmungsfähigkeit.

Ist das Gleichgewicht gestört, zeichnen sich folgende Symptome ab: Attackeartiger, plötzlicher, heftiger, Dreh-, Schwank- bzw. Liftschwindel, Übelkeit evtl. Erbrechen, mit oder ohne Ohrsymptome, Druck auf den Ohren, Ohrgeräusche, Hörminderung.

HNO-Diagnostik

Zunächst wird die Anamnese erhoben: Werden Medikamente eingenommen, um welche Art des Schwindels handelt es sich, besteht Hörminderung, Tinnitus etc.? Es folgen Spiegelbefunde, Ohrmikroskopie und die Untersuchung der Nase, des Na- senrachenraumes sowie der Nasennebenhöhlen, Hörprüfung. Bildgebende Verfahren wie Kernspintomographie und Computertomographie sind bei manchen Beschwerdebildern unerlässlich.

Die häufigste HNO-ärztliche Ursache für Schwindel ist der sog. paroxysmale Lage- bzw. Lagerungsschwindel. Typische Beschwerden sind kurze heftige Drehschwindelattacken, die vor allem bei Lageveränderungen im Bett auftreten. Die Ursache sind kleine Kristalle, sog. Otolithen, die abreißen und in das Gleich- gewichtssystem des Innenohrs eingeschwemmt werden.

Als Therapie wird ein Bewegungstraining empfohlen.

Ursache für Gleichgewichtsstörungen können auch Baro-Traumen sein, die bei Tau- chunfällen auftreten. Es kommt dabei zu einer Trommelfellperforation und zum Ein- strömen von Wasser in das Mittelohr, was zur Reizung des Gleichgewichtsapparates im Innenohr führt. Weitere Ursachen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich können akute, chronische Entzündungen oder Tumore am Gleichgewichtsnerv (Akustikusneurinome) oder Traumata mit Schädelbasisbruch sein. Manche Ohrerkrankungen, wie z.B. der Morbus Menière, gehen neben Schwindel- beschwerden auch mit Hörminderungen und Tinnitus einher. Bei diesem Krank- heitsbild befindet sich zu viel Flüssigkeit im Gleichgewichtsapparat.

Therapie

Mögliche Behandlungen sind: symptomatische Infusionsbehandlung zur Verbesserung der Innenohrdurchblutung, medikamentöse Ausschaltung des Gleichgewichtsapparates, chirurgische Durchtrennung des Gleichgewichtsnerven. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich der HNO-Schwindel durch ein plötzliches Auftreten von Schwindelattacken, meist sehr heftig, auszeichnet. Es handelt sich um Dreh-, Schwank- bzw. Liftschwindel, unter Umständen mit Übelkeit, Erbrechen evtl. Ohrsymptomen; insgesamt eine große Stress-Situation für Körper und Geist. Schwindel zählen zu den häufigsten Be- schwerden, die bei richtiger Diagnose meistens wirkungsvoll behandelt werden können. Voraussetzung dafür ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Haus- und Fachärzten.

Dr. Martin Tichy,
Hals-Nasen-Ohrenarzt, Weiden