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Aktionstag - Arztpraxen beraten unter freiem Himmel PDF Print E-mail
 Ralph Gammanick  |  28.01.2009  | Netzcode: 1690981
Weiden

Das große Zittern am Oberen Markt

demo-weidenCappuccino gegen die Kälte, Breitseiten gegen Ulla Schmidt: Ärzte-Demo gegen Gesundheitsreform

Weiden. Den Frierenden leisten die Sanitäter erste Hilfe. Mit heißem Cappuccino, besten Dank auch. Kaffee - ein gutes Rezept gegen die Kälte. Nicht aber gegen die Problematik, wegen der es Ärzte und ihre Angestellten seit Wochen fröstelt. "Sparmaßnahmen gefährden Ihre Gesundheit", warnt ein Schild, das eine Praxisangestellte inmitten der Menge in die Höhe hält.

Ärzte fürchten um ihre Praxen. Angestellte um ihre Jobs. Patienten um die ärztliche Versorgung. Und sie alle zeigen dies, indem sie am Mittwochvormittag beim Brunnen am Oberen Markt dicht beisammenstehen. Etwa 130 Praxen in Weiden sowie den Landkreisen Neustadt/WN und Tirschenreuth bleiben wegen der Protestaktion geschlossen, schätzt Dr. Nikolaus Globisch, der Vorsitzende des Ärzteverbundes Oberpfalz Nord (ÄVON): "Fast die Hälfte aller niedergelassenen Ärzte sind heute da." Vom Kinderarzt bis zum Urologen, vom Haut- bis zum Hausarzt.


Selbst Dr. Alexander Kharraz, der Nervenarzt. In einem heftig diskutierten NT-Artikel verteidigte er die neuen Honorar-Richtlinien - und sah sich in der Folge veritablen Anfeindungen von Kollegen ausgesetzt. Ausschließlich aus Sicht der Psychiater habe er Stellung genommen, meint er jetzt, am Rande der Menge stehend. "Unbestritten ist aber, dass die Fallwerte für andere Fachgruppen viel zu niedrig sind. Letztendlich sitzen wir alle in einem Boot." Auch Kharraz hält daher am Mittwoch keine Sprechstunde. "Aus Solidarität."

Öffentlich entschuldigt sich dritter ÄVON-Vorsitzender Andreas von Bohlen bei den Patienten dafür, "dass Sie uns hier aufsuchen müssen und nicht wie gewohnt in den Praxen. Heute sind es nur ein paar Stunden, in denen wir nicht da sind. Wenn sich aber nichts ändert, werden wir gar nicht mehr da sein". "Stell dir vor, es gibt kaum noch Praxen", heißt es auf einem Spruchband, "und alle gehen hin."

Wo ist das Geld?

Am Infostand bedient der Frauenarzt. Ostereier gibt Dr. Thomas Bäumler aus. Und Äpfel. "Einen Appel und 'n Ei" halt, wie er erklärt: "den Gegenwert der medizischen Leistung." Dazu hallt die Stimme von Dr. Globisch aus den Lautsprechern: "Wir wissen nicht, wo das Geld ist, das uns seit langer Zeit versprochen ist." Höhere Kassenbeiträge einerseits, weniger bezahlte Leistungen und empfindliche Honorareinbußen andererseits - das passt nicht zusammen. "Die Praxen", warnt Globisch, "sind in ihrer Substanz extrem gefährdet."
Der Existenzkampf hat begonnen. "Praxis Dschungelcamp", lesen wir auf dem Kittel eines Demonstranten, "Überlebenstraining Arzt/Patient". Derweil wird die Unterschriftenliste bei Dr. Bäumler länger und länger. Die Unterzeichner richten einen Appell an die Gesundheitsministerin: "Ich und mein Arzt - WIR ALLE - erwarten von Ihnen, dass Sie endlich die Verantwortung für diese Sackgasse und Misere ,Gesundheitsreform und Gesundheitsfond' übernehmen, damit ich auch in Zukunft von meinem Arzt gut versorgt werden kann!" Und nichts weniger.

Für gute regionale Strukturen statt "Durchschnittsmedizin in Deutschland" tritt Dr. Wolfgang Rechl am Mikro ein. Der Vorsitzende des Ärztlichen Kreis- und Bezirksverbandes: "Die Patienten müssen wissen, wenn es so weitergeht, werden die Praxen ausgedünnt." Nicht nur die der Fach-, sondern auch der Hausärzte, merkt am Rande Dr. Matthias Loew an. Der Stadtrat erzählt von seinem Beispiel: "Ich habe zehn Prozent Einbußen - vom Umsatz. Bei gleicher Leistung!" Bei Fachärzten sind laut von Bohlen Umsatzeinbußen zwischen 15 und 40 Prozent die Regel. "Bei manchen sind es sogar 55 Prozent. Das ist vollkommen desolat, für jede Praxis existenzgefährdend."
Als die Reden nach einer Stunde enden, sind die meisten der 300 bis 400 Zuhörer durchgefroren. Eigentlich plante der Ärzteverbund Oberpfalz Nord einen vierstündigen Aktionstag - doch dazu, meint Globisch, ist es schlicht zu kalt. Am Donnerstag "operieren" die Mediziner wieder von gut beheizten Praxen aus. Das große Zittern aber geht weiter.
 
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