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05.09.2010
 
 
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Brief eines Allgemeinarztes PDF Drucken E-Mail
Dr. Thomas Carl Stiller 

Die neue Abrechnungsordnung bricht das Herz und den Idealismus der Hausärzte

 

Hausärztliche Stellungnahme zur Honorarreform EBM 2010 Variante QZV



Die Kernschmelze droht, die neue Abrechnungsordnung bricht das Herz und den Idealismus der Hausärzte

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit 2006 bin ich als Landarzt niedergelassen und habe seit dem noch keine Kontinuität und Planbarkeit seitens der Honorarsituation erleben dürfen.
Doch alle Reformen vorher sind nichts gegen diese Honorarreform (EBM 2010), gültig ab 07-2010.
Noch nie habe ich meine Kollegen derart bestürzt erlebt. Sowohl ältere als auch jüngere Kollegen unabhängig von der Praxisgröße erleben kollektiv mit mir das gleiche Desaster: Einen Umsatzeinbruch von durchschnittlich 20-25%!
Diese Reform gefährdet unsere Existenz.
Damit können die Praxen ihren Versorgungsauftrag als Vertragsärzte nicht mehr erfüllen. Entgegen der „Neidkampagne“ des GKV Spitzenverbandes sind die allermeisten Vertragsärzte zwar Spitzenarbeiter mit immer mehr medizinfremden Aufgaben aber nicht die Spitzenverdiener wie vom Krankenkassenverband fälschlich in die Medien lanciert.

Der neue EBM nimmt die Luft zum Atmen und Praktizieren. Bislang freie hausärztliche Leistungen wie z. B. dringende Besuche sind jetzt alle in der viel zu niedrigen Pauschale von etwa 35 € enthalten, was absolut nicht der medizinischen Versorgungsrealität entspricht.

Wie sollen jetzt die vielen älteren Menschen und die Altenheime gerade auf dem Land versorgt werden, wenn die Vergütung dafür nicht mehr existiert?

Wenn sich nicht drastisch etwas ändert und die Berechnung neu geführt wird, entsteht folgendes Szenario:
Ältere Kollegen um die 60 Jahre werden noch schneller aufhören zu praktizieren, ohne einen Nachfolger zu haben, die Jüngeren stehen mit dem Rücken an der Wand, weil ihre gesamte Finanzplanung auf anderen Werten kalkuliert worden ist. Unter diesen Bedingungen des EBM ab 07/2010 hätten Sie niemals eine Praxis übernommen.
Das wäre ökonomischer Suizid.
Das wird sich auch beim Nachwuchs in den Kliniken schnell herumsprechen.
Der Arztmangel in der Fläche wird noch schneller kommen als befürchtet und auch bleiben.
Schlecht für die Mehrheit der Landbevölkerung, die auf Ärzte vor Ort angewiesen ist.
Auch größere Zentren wie z.B. MVZ oder auch Zweigstellen werden sich aufgrund der neuen schlechteren Honorierung nicht mehr ansiedeln.

Die Hausärzte stellen fast die Hälfte aller Vertragsärzte Deutschlands und führen etwa 80% der Beratungen in der ambulanten Medizin durch. Sie sind die Vorsorgeärzte und Gesundheitsarchitekten ihrer Patienten. Sie kommen zu Ihnen, wenn andere schon schlafen, zu Preisen zu denen kein Handwerker oder Schlüsseldienst je kommen würde.

Diese verzehrende Vergütung ist nun noch weiter unterboten worden.
Im Durchschnitt werden für einen Patienten jetzt 35€ pro Quartal bezahlt.
Fast alles inklusive, egal ob tags oder nachts.
Die Kosten der Praxis bleiben, die Patienten und die Arbeit auch. Die Liquidität der Praxis läuft gegen die Wand. Je mehr der Arzt pro Patient arbeiten muss, desto schlimmer wird das Missverhältnis.

Eine 2005 erhobene betriebswirtschaftliche Kalkulation von 5,11 Cent pro Leistungspunkt wird seit Jahren permanent ignoriert und unterboten. Fallwerte von 85€ entsprächen der Versorgungsrealität.

Eine betriebswirtschaftliche Kostendeckung ist ab jetzt unmöglich.

So kann man eigentlich nur den Dienst quittieren.

Der Idealismus der Ärzte lässt Sie noch weiterarbeiten, während die Honorierung ab Juli 2010 ihre Herzen und Existenzen bricht.

Die Lösung ist eine Neuberechnung der Honorierung unter realistischen betriebswirtschaftlichen Bedingen und Annahmen. Unter Einbeziehung auch wirklichkeitsnaher Kostenstrukturdaten, wie sie z.B. die DATEV fast monatsaktuell liefern könnte.

Die Gebührenziffern, wie dringende Hausbesuche und Inanspruchnahme zu Unzeiten gehören zu der hausärztlichen Grundkompetenz. Diese müssen wieder außerhalb der Pauschale vergütet werden, damit die Hausbesuche wieder leistbar sind.

Ärzte sind Anwälte ihrer Patienten, Vertragsärzte noch mehr, denn sie stehen mit ihrem Namen für die Qualität ihrer Arbeit.

Eine Honorierung auf diesem Niveau lässt sie untergehen.
Hier ist die Politik gefragt, eine Kernschmelze im System zu verhindern, gerade bei derjenigen Arztgruppe, welche den größten Anteil an der Gesundheitsfürsorge der Bevölkerung hat.

Wenn, wie im SGB V verankert, eine breite hausarztzentrierte Versorgung anzustreben ist, darf man die Akteure dann auch nicht untergehen lassen.

Einer „Neidkampagne“ der GKV sollte in den Medien eine „Neue Aufklärung“ der Bevölkerung über die echten Preise und Leistungen entgegenstehen.

Wir Vertragsärzte wollen unseren Versorgungsauftrag auch erfüllen können, wir stehen zu unserer Arbeit und unseren Patienten.

Eine faire, betriebswirtschaftlich kalkulierte Vergütung, ist die Mindestgrundlage dafür, auch in Zukunft Menschen medizinisch qualifiziert behandeln zu können.

Wenn der Hausarzt vor Ort verschwindet, wird ihn nichts ersetzen können. Der ganzheitliche medizinische Ansatz eines Facharztes für Allgemeinmedizin ist deutlich mehr wert als bislang zugedacht.

Wenn er ausstirbt, weil er sich die Praxistätigkeit nicht mehr leisten kann, wird es keinen billigeren Ersatz geben und die Kosten des Gesamtsystems steigen.

Besonders die zunehmend chronisch kranken, älteren Patienten auf dem Land wird ein solcher Abbau der hausärztlichen Versorgungsstrukturen sehr treffen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Thomas Carl Stiller
Facharzt für Allgemeinmedizin
 
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